Donnerstag, September 28, 2006

Mein lieblingsartikeL

Wie sicherlich alle wissen, bin ich ja zur zeit im cottbuser archiv am rumrecherchieren. ich stoße da auf einige interessante, aber auch witzige (oder aberwitzige?) sachen.

hier nun 2 meiner favoriten:
am 20. dezember 1989 S. 2 schrieb unter der rubrik "Kommentiert" die redakteurin gertraute krönert allen ernstes:
"Schweigende Mehrheit?
Zu überhören waren sie nicht, die gestern in Dresdens Straßen und vor dem Hotel Bellevue, Ort der Gespräche Modrow-Kohl, in wohlorganisierten Sprechchören "Deutschland, Deutschand" oder "Deutschland einig Vaterland" skandierten. Dazu wurden Fahnen geschwenkt, die das Symbol der werktätigen Menschen der DDR schon nicht mehr trugen. Warum, so frage ich mich, waren wir, deren Anliegen "DDR bleibt souverän" ist, viel weniger lautstark zu hören? Aber wir sind doch wohl viel mehr als jene, die die DDR so mir nichts, dir nichts aufgeben wollen! Sitzt die schweigende Mehrheit wirklich zu Hause und hat Angst, wie Wolfgang Berghofer gestern die Situation charakterisierte, während wenige unerhörte Anstrengungen unternehmen, die DDR als souveränen Staat zu retten?
Verständlich sind mir, das möchte ich hier sagen, Gefühle nationaler Zusammengehörigkeit oder auch der Wunsch, am materiellen Wohlstand des reichen Nachbarn teilzuhaben.
Aber schalten wir jetzt den Verstand nicht aus, behalten wir Augenmaß! Was den Bürgern dieses Landes nutzt, ist eine qualifizierte Partnerschaft mit der BRD, nicht die deutsch-deutsche Einheit. Mit dem Ideal sozialer Gerechtigkeit, befreit vom Ballast der Korruption und Administration, mit dem Wunsch nach einem Gemeinwesen, das seinen Bürgern soziale Sicherheit gibt, die Schwachen schützt und die Freiheit jedes Bürgers gewährleistet, ist es vorbei, wenn wir jetzt geschluckt werden.
Deshalb mein Wunsch an die schweigende Mehrheit: Meldet euch zu Wort- für die DDR!
So wie es auf der gestrigen Kundgebung der Vereinigten Linken gegen Wiedervereinigung in Cottbus viele taten."


einen anderen favoriten habe ich leider nicht dokumentiert, aber ihr müsst es mir glauben. ein kommentar anfang dezember drückte tatsächlich sein unverständnis darüber aus, warum denn so viele menschen nach westdeutschland reisen- ob es denen hier nicht gefällt.

und hier noch ein einblick in das tv-programm vom 3.-9. märz 1990
ZDF Mo. 13.45Uhr Das waren die 80er Jahre
16.03 Uhr Michel aus Lönneberga
Sat 1: Mo. 14.40Uhr Love Boat
15.30 Uhr Happy Days
16.05Uhr Daniel Boone
19.05 Uhr Glücksrad
20.00 Uhr Trapper John M.D.
Sat 1 Die. 16.05 Uhr Bonanza
Sat 1. 14.05 Uhr ALF
17.50 Uhr Raumschiff Enterprise
Sat 1. Do. 17.50 Uhr Ein Duke kommt selten allein


na, weckt das erinnerungen? ich glaube ich habe meine kindheit vor dem fernseher verbracht.... dream on!
;o)

8 Kommentare:

.hejRon hat gesagt…

dream on .. eine sehr tolle serie, die leider irgendwie nie wiederholt wurde.. und ja, das damalige sat.1 programm war noch echt toll!!!

und der favourite, oder der erste artikel ist ja sehr hübsch geschrieben. vor allem, ich wohne gegenüber von diesem hotel bellevue.. herjeh!!

Anonym hat gesagt…

passend zu deinen LR artikeln: hab heut mit kuno(betreuer bei grün weiß, jahrgang 48) bei ein paar bierchen über ddr u.ä. diskutiert. er ist der meinung dass der mauerbau richtig und gerechtfertigt war, weil durch die flüchtlinge der ddr ein milliardenschaden entstanden ist, und dass diejenigen die später an der mauer erschossen wurden selbst schuld waren, denn sie wußten ja was passiert.
in dem sinne:
"die partei, die partei die hat immer recht..."

Annika hat gesagt…

Wortlos

Nadine hat gesagt…

So extrem finde ich den Kommentar gar nicht. Ich denke, er spricht vielen Ostalgikern von heute aus der Seele. Und sicherlich gab es in der DDR auch Leute, die die Idee Sozialismus gut fanden (Prof. Staszak bspw.). Die Praxis war Mist, keine Frage.
Das mit dem Mauerbau von Sören Betreuer find ich dafür schon enorm krass.

Annika hat gesagt…

Dazu kam auch mein "wortlos", besonders da ich Kuno ja kenne!

Anonym hat gesagt…

Was mich an dem artikel so faszinierte war nicht das festhalten der journalistin an den guten ideen des sozialismus. sondern der glaube an eine gute ddr, mit der partei, die 40 jahre lang mist baute. nach all dem mist, vertrauten die immer noch den "genossen", wenn die versprachen die partei "erneuert" zu haben.
wenn es in den 40 jahren probleme gab (die jetzt erst ausgesprochen werden durften!), war es die schuld einzelner personen und nicht das polit. system und seine strukturen an sich.
die journalisten sind im dezember der geschichte und den gesellschaftlichen entwicklungen weit hinterher gehinkt. (irgendein buchautor nannte sie "realitätsfremd")
fast naiv glaubten die parteijournalisten (die sich zu dem zeitpunkt schon der partei offiziell los gesagt hatten) noch immer an einen wandel durch die SED.
und: bei dem artikel fand ich es ungeheuer treffend: die steht selbst in der menschenmenge, der wöchentlichen montagsdemo (o.ä.) und sieht die menschenmassen, die weiteren wandel wollen- und will es immer noch nicht wahrhaben, was da im land passiert...

nebenbei: was ich auch in der lausitzer rundschau gelesen habe: im märz 1990 kostete das kilo tomaten zwischen 12 und 18 mark! - man stelle sich vor, die hätten da hinter die zahlen das euro-zeichen gesetzt (wie es nach der euro-einführung zu den gestiegenen preisen immer so schön hieß) gruselig, oder?!

Anonym hat gesagt…

Jetzt schreib ich auch mal was zum Thema Mauerbau.

Also was des Sörens Betreuer da gesagt hat ist ja grundsätzlich gar nicht so falsch.
Man muss sich ja mal ein wenig ins Gedächtnis rufen, was damals so los was. Ganz frei von Propaganda und sonstigem.
Es gab damals zwei nebeneinander her lebende Systeme. Leider waren die beiden Systeme aber sehr unterschiedlich aufgebaut. In dem einen System konnte man z.B. in aller Ruhe seine Ausbildung machen. Schulbildung, Hochschulstudium etc. war alles kostenlos. Der Student hat 10 Mark Miete bezahlt und ein entspanntes Studienleben geführt. Anschließend war er fertig und ist dann dem Lockruf des Geldes gefolgt. Gute Leute wurden damals hoch bezahlt. Nix mit Generation Praktikum. Schließlich kam die Immigrantenwelle von Türken und Italienern ja damals nicht von irgendwo. Für eine Volkswirtschaft war der Schaden aber nicht ganz unerheblich, wenn solche Leute dann weg sind.
Das viel schlimmere Problem für die Volkswirtschaft bestand aber in den unterschiedlichen Preisstrukturen für Güter des täglichen Gebrauchs. Die DDR hat ja bekanntlich die Meinung vertreten, das alle Güter, die der Mensch zum Leben braucht billig sein sollten. Brot 5 Pfennige, Butter 6 Pfennige etc. Jetzt kann man natürlich nach der Sinnhaftigkeit fragen. Man darf aber nicht vergessen, dass das alles schon ne Weile her ist. Und Anfang der 60er konnten sich die Leute noch allzu gut daran erinnern was es heißt Hungern zu müssen. (Anmerkung: Hunger ist das was ihr zwischen zwei BurgerKing-Besuchen verspührt.) Sowas sollte es nie wieder geben. Jeder sollte sich immer Essen, Kleidung und Wohnung leisten können. Dinge die heute nicht mehr selsbtverständlich sind.
Nun zurück zur Thematik. Die "Wessis" haben das natürlich dankbar ausgenutzt. War ja nett im Osten billig einkaufen zu können. Aber das war ja nicht für den Westen subventioniert worden. Also musste man sich irgendwie abschotten von denen.

Zum Thema Schießbefehl an der Mauer.
Grundsätzlich steht es jedem Staat frei seine Grenzen bewachen zu können und diese auch zu verteidigen. Eine Grenzverletzung stellt in jedem Land eine Bedrohung dar. Und auch der Schußwaffengebrauch ist dabei nicht verboten. Darüberhinaus war es ja nicht so, dass man gemütlich durch den Wald gelaufen ist, und hoppla wurde man erschossen, weil man doch glatt die Grenze übersehen hat. Das war ja alles weiträumig abgeschirmt. Mit 1 Mio. Schildern "Achtung Grenzgebiet - Schusswaffengebrauch". Wenn auf einem Schild steht "Achtung Hochspannung" kann ich auch nicht die Leitung anfassen, sterben und anschließend ne Klage gegen EON einreichen.
Weiterhin darf man ja auch nicht vergessen, dass es nicht nur die Grenze zwischen Ost und West sondern auch die Grenze zweier Atomwaffenparteien war. Wie oft die Welt in der Zeit der Mauer vorm atomaren Ende stand, haben die meisten heute anscheinend vergessen.

So das reicht jetzt. Dann prügelt mal auf mich ein.

Anonym hat gesagt…

Na hoppla, ich denke der Kai hat sein Studiumfach verpasst. Sehr gute Ausführung einer weitverbreiteten Meinung muss ich mal anmerken. Ok das mit dem Mauerschüssen ist nicht ganz so krass zu verstehen aber Übertreibung macht anschaulich.
Alles in allem ist mal zu sagen, das ich meist das Gefühl habe, die ehemahligen Westdeutschen empfinden unser früheres Leben in der DDR weitaus schlimmer als wir selbst. Mir ging es super, aber ich war auch erst 13 als die Mauer fiel. Ich hatte gute Schulausbildung, immer was zu Essen und sogar was zum Anziehen. Weiterhin durft ich ins Ferienlager fahren (da hab ich zum ersten mal ein Mädchen geküsst, aber egal) und hatte auch ohne Computer und Konsole nie Langeweile.

Da nun gestern der Tag der Tag der Einheit war, muss ich aber auch sagen, das ich in der DDR kein Abitur gemacht hätte dürfen und ich daher wahrscheinlich heute Busfahrer, Tischler oder IM "Schönling" wäre. Hat halt alles sein Gutes und Schlechtes.

Das wars dann auch von mir. Wir sehen uns nächste Woche wieder beim schwarzen Blog.

Stefan

Beitragende