In Anlehnung an Susis Idee gibt es diesmal das Kapitel „Heartbreaker“ von Led Zeppelin aus dem Buch „31 Songs“ von Nick Hornby auf die Augen:
„Die herkömmliche Lehrmeinung, warum Jungs Heavy Metal (oder Nu Metal oder Rap Metal) so heiß und innig lieben, betrachtet Gitarren als Penis-Ersatz und unterstellt homoerotische Neigungen und alles mögliche andere. Das auf Perversität, sexuelle Desorientierung und tief sitzende, morbide Neurosen hindeutet. Zugegeben, ich hegte für kurze Zeit eine (unerwiderte) Liebe zu dem irischen Bluesrock-Gitarristen Rory Gallagher, und es trifft auch zu, dass ich während der ersten drei, vier Jahre meiner Rockfan-Existenz nur Sänger hörte, die fröhlich zugaben, dass sie Nagetiere und/oder Reptilien verspeisen. Und doch glaube ich, dass es eine nicht pathologische, sondern eine musikalische Erklärung für mein kindliches Liebäugeln mit Zeppelin und Sabbath und Deep Purple gibt, nämlich, dass meinem Urteil über einen Song nicht traute. Wie ein prätentiöser, aber begriffsstutziger Erwachsener, der sich einen Film nur ansieht, wenn er Untertitel hat, hörte ich mir nichts an, das nicht unter lauten, kreischenden E-Gitarren begraben war. Woran hätte ich sonst erkennen sollen, ob das Stück irgendwas taugt? Songs, die auf dem Klavier oder akustischen Gitarren gespielt wurden, von Menschen ohne Bartwuchs (Mädchen zum Beispiel), von Menschen, die Salat und keine Nagetiere aßen ... nun ja, das hätte schlechte Musik sein können, die mich auszutricksen versuchte. Das hätten Leute sein können, die so taten, als wären sie die Beatles, ohne es zu sein. Woher sollte ich das wissen, wenn alles so undurchsichtig war? Nein, am besten, man mied die Frage, ob gut oder schlecht, und hielt sich stattdessen an laut. Mit laut konnte man nie ganz falsch liegen.
Die Songtitel waren ebenfalls hilfreich. Songtitel, die keine überdeutlichen Heavy-Rock-Hinweise beinhalteten, waren wie Musik ohne laute Gitarren: Als würde jemand versuchen, [...] dir einzureden, das wäre etwas, was es gar nicht war. [...] Aber die Stücke auf Paranoid von Black Sabbath zum Beispiel waren solide, verlässlich und wiesen unmittelbar auf Qualität hin. Wie konnten Songs mit Titeln wie „Iron Man“ oder „War Pigs“ oder – um das Maß meiner Begeisterung voll zu machen – „Rat Salad“ schlecht sein?
Ruhigere Songs lieben zu lernen [...] hat also nichts mit dem Älterwerden zu tun, sondern damit, dass man ein musikalisches Selbstvertrauen entwickelt, die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. [...]
Irgendwann während der letzten Jahre habe ich festgestellt, dass meine musikalische Ernährung arm an Kohlenhydraten ist und dass Rock-Riffs ernährungspsychologisch unabdingbar sind [...]. Sollte ich jemals einem verwirrten Außerirdischen ein Blues-Metal-Riff vorsummen müssen, würde ich „Heartbreaker“ von Led Zeppelin II wählen. Ich bin mir nicht sicher, ob es für ihn besonders aufschlussreich wäre, wenn ich DANG DANG DA-DA-DA-DANG, DA-DA-DA-DA-DA DANG DANG DA-DA-DANG machte, aber ich hätte das Gefühl, unter den gegebenen Umständen gute Arbeit geleistet zu haben. Selbst hingeschrieben (wenn auch unter der Zuhilfenahme von Großbuchstaben) habe ich den Eindruck, dass die großartige, idiotische Lautstärke des Stückes effektiv und unmissverständlich rüberkommt. Lesen Sie es noch mal. Sehen Sie? Es rockt!“
Dem hinzuzufügen bleibt eigentlich nur, dass sowohl die pathologische als auch die musikalische Erklärung für die Liebe zur Rockmusik anscheinend auch auf Mädels zutrifft, zumindest auf mich. Einschränkend muss natürlich unbedingt gesagt werden, dass es natürlich auch verdammt gute und anspruchsvolle laute Rockmusik gibt. Allerdings bin dem Fehler der Gleichsetzung von laut und gut auch ich unterlegen, und so musste ich mit dazu gewonnener musikalischer Weisheit feststellen, dass Bands wie Whitesnake oder die soeben erwähnten Black Sabbath zwar Musik mit einem hohen Unterhaltungswert produzierten, ihnen aber nicht das Prädikat „musikalisch wertvoll“ zugesprochen werden kann. A.
2 Kommentare:
Ich glaub, das Buch muss ich auch mal lesen. scheint witzig zu sein!
Ist definitiv lesenswert - auch wenn man nicht alle Lieder kennt. Und die kurzen Kapitel eignen sich hervorragend dafür, es in Lernphasen zwischendurch mal zu lesen. An dieser Stelle vielen Dank an Liv, der ich dieses Vergnügen zu verdanken hab!
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