Nun ist es tatsächlich soweit: Meine Mitbewohnerin hat mich nach fünfeinhalb wunderbaren Jahren verlassen und ist mit ihrem Berliner Macker zusammengezogen. Der Auszug ist dank der perfekten Vorbereitung und der zahlreichen helfenden Hände erstaunlich flott vonstatten gegangen. Wie es allerdings außerhalb Rostocks weiterlief, kann ich nicht beurteilen. Ich habe das Wochenende damit verbracht, die Wohnung zu putzen und neu einzurichten, da mir ja die Hälfte der Möbel abhanden gekommen ist. Und nun sitze ich hier in meinem von Kram entlasteten Zimmern, sehe etwas im Fernsehen und denke „das musst du Yvonne erzählen, wenn sie wieder da ist“. Und dann der Schreck – sie ist weg, forever-ever. Zu ihrem Glück hat die Telekom die beiden geflissentlich ignoriert und ihnen keinen Telefonanschluss in ihrer Wohnung zugestanden, sonst würde es wohl dem Dauerklingeln nicht mehr standhalten. Und das für so wichtige Nachrichten wie: „Das ist vielleicht ein Idiot beim Perfekten Promidinner! Macht Sauce Bernaise aus der Tüte und regt sich auf, dass seine Mitstreiterin den graved Lachs (bitte sprechen wie man es schreibt) nicht selbst geräuchert hat!!!“
Unsere letzten Mitbewohner-Tage haben wir aber noch würdig verbracht. Angefangen mit einem perfekt durchgeplanten Ausflug in den Botanischen Garten der Uni Rostock, den wir erst nicht gefunden haben, dann nirgends ein Eis bekommen haben (ohne Scheiß, da im Komponistenviertel gehen sogar die Supermärkte pleite – überall gab es noch Schilder, aber dahinter nur leere Räume), im Garten angekommen, stellten wir fest, dass Ende März noch nicht allzu viele Blümlein blumen. Wir begnügten uns also damit, uns über die lustigen Pflanzennamen zu freuen, die auf kleinen einsamen unbeblumten Schildern im trockenen, braunen Humus steckten. Sollte jemand auf die Idee gekommen sein, dass so ein Botanischer Garten doch sicher auch Gewächshäuser hat, in denen sich auch zu frühsonniger Zeit farbenprächtige Blütenstände wiegen, so sei ihm gratuliert zu dieser Mitdenkleistung. Leider sind die Gewächshäuser in Rostock baufällig (Überraschung!) und dürfen deshalb nicht betreten werden. Ein neues Gewächshaus wird sogar schon gebaut, ist aber erst im September fertig. Pech gehabt. Es war trotzdem nett und im Sommer lohnt sich ein Besuch dort auf jeden Fall. Anschließend sind wir dann in die Innenstadt, haben uns ein legga Eis geholt und es auf der Uni-Wiese genüsslich weggeschleckt – ach, wie in guten alten Zeiten. Und mal wieder war der Arsch danach nass und kalt und die Blasenentzündung lächelte uns schon höhnisch entgegen. Wir haben ihr aber ein Schnippchen geschlagen und sind rechtzeitig aufgestanden, so dass wir nun nur eine Erkältung bzw. Mandelentzündung haben.
Unser offizieller Abschied fand dann am Donnerstag statt. Da wir ja wissen, dass wir nicht mehr die Jüngsten sind und nicht mehr so folgenlos saufen können, wie zum Anfang unseres Studiums, haben wir einen Tag Erholung eingeplant, in der Hoffnung, am Samstag zum Umzug wieder fit zu sein. Die Wohnung versetzte einen tatsächlich fast in nostalgische Stimmung, denn sie sah beinahe so kahl aus wie in unseren Anfangszeiten mit Jacobi 1880-Besäufnissen. Traurige Stimmung wurde aber nicht zugelassen und nach der ersten Flasche Rotwein war ich auch schon gut fröhlich. Nachdem der Erdbeerlimes alle war, fühlte ich mich wieder etwas nüchterner, bin aber wahrscheinlich einer Fehleinschätzung unterlegen. Kurz darauf fingen wir an, die Rocky Horror Picture Show zu sehen und dem Film alle Ehre zu machen: Wir brüllten mit, warfen Reis, spritzten mit Wasser und entwickelten einige Klopapierrollen. Diese machten sich auch ziemlich gut auf dem Boden, da unsere improvisierte Spritzflasche irgendwann einfach so umkippte und ihr Inhalt von uns unbemerkt unsere Wohnung in einen kleinen Teich verwandelte. In meiner übergroßen Motivation, die Sintflut zu verhindern, zerdepperte ich gleich noch ein Glas, sodass sich noch etwas Wodka-Kirsch dazu gesellte. Nachdem wir die Flasche Wodka denn auch fast geleert hatten, die einschlägigen Rocky Horror-Stellen mehrfach gesehen und zu anderen beliebten Lieder von Interpreten bis zum „G“ (die restlichen Cds waren vorübergehend nicht zugänglich) mitgegrölt hatten, ließen wir das Chaos Chaos sein und stolperten unter großen Protesten meinerseits in unsere Betten.
Am nächsten Tag ging es uns nicht gut. Wer hätte das gedacht. Um 14:00 Uhr machte sich Yvonne auf, das Wohnzimmer zu säubern und ich musste mich zwangsläufig dazu gesellen. Im Minimaltempo unter Maximalgestöhne vernichteten wir die Spuren unseres Exzesses. Während ich mich danach wieder ins Bett legen konnte, musste die arme Yvonne noch die letzten Umzugsvorbereitungen treffen. Noch heute – am Montag – schwinge ich wiederholt den Sauger, da sich die kleinen Reiskörner in irgendwelchen Ecken verstecken und nacheinander hervorkullern, um mich blindes Huhn zu beschäftigen.
Der Kater okkupierte meinen Körper am Freitag ziemlich genau bis 18:30 Uhr und länger hätte es auch nicht sein dürfen, denn um 19:00 Uhr waren wir bei Susi eingeladen, die morgens ihre mündliche Prüfung überaus erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Bei einem fantastischen 3-Gänge-Menü mit japanischer Suppe, Sushi und Apfel-Quark-Auflauf feierten wir ihre super Prüfung, das Ende unseres Studiums und unserer Rostock Ära. Jetzt verstreuen sich meine Mädels in alle Winde und ich bleibe vorerst allein zurück – schnief. Aber ich habe schon einen Plan! Ich werde Christian auf den Sack gehen! A.
3 Kommentare:
hat jemand die kleenex gesehen... boa.. wie ergreifend schön geschrieben - wie immer - aber diesmal schwingt traurigkeit mit.
ja liebe anika, so ists, wenn man erwachsen wird...
aber ins kino will se trotzdem nich mit mir - soo einsam kann sie also nicht sein ;)
wer weiß, ob ich es dir hätte abschlagen können, wenn du mich persönlich efragt hättest... ich hab schon geschwankt!
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