Montag, Mai 28, 2007

Schweig, du Teufel!

Hier die Neuigkeiten der Woche aus Rostock: Mein Praktikum geht in die Verlängerung, ich werde auch den Juni und den Juli beim Klatschmohn-Verlag zubringen. Für meine hochgeschätzte Arbeit bekomme ich dann auch etwas Geld – das freut das Herz und noch mehr den Geldbeutel. Meine Karriere kann jetzt auch richtig losgehen, denn ich habe beschlossen, meine 3-Zimmer-Wohnung einfach komplett für mich selbst zu nutzen, wenn schon keiner mit mir zusammen wohnen will. Also habe ich mir in einem Anfall von Spontaneität bei der Eröffnung eines Möbelhauses in Bentwisch eine komplette Bürozimmereinrichtung gekauft – und das auch noch für einen wahren Schnäppchenpreis. Dieser Blogeintrag ist somit der erste, der euch aus meinem neuen Arbeitszimmer erreicht – hipp hipp hurra! Hier sind auch gleich Fotos der Stätte, wo das Genie ab nun seine Gedanken verschriftlicht:






Mein überzogenes Selbstbewusstsein kommt übrigens daher, dass mich bis eben noch Sören mit seiner Anwesenheit beehrt hat. Seine Wertschätzung meiner selbst färbt immer etwas auf mich ab – also haltet euch fern von mir, wenn er in der Nähe ist! ;-) Zurück zu meinem Arbeitszimmer: Ich sehe es als willkommenen Anlass, mal wieder eine Party von der Sorte zu schmeißen, für die es eigentlich keinen wirklichen Anlass gibt, aber einen, der gut genug ist, um eine Party zu feiern. Kurzum, ich habe beschlossen eine Annika-hat-jetzt-ein-richtig-tolles-Arbeitszimmer-und-das-feiern-wir-mit-Wein-und Bier-Party zu feiern. Also, liebste Mädels und liebreizende Freunde meiner Mädels, geht mir Bescheid, ob euch der 16. Juni für eben diesen Anlass genehm ist, wenn nicht, finden wir ein anderes Datum. Auch fleißige Blogleser und Kommentarschreiber dürfen sich zu der AhjertAudfwmWuB-Party eingeladen fühlen!

Als nächstes folgt noch etwas, was ich eigentlich ungerne machen, nämlich die Worte eines anderen in den Blog stellen. Dies resultiert aber daraus, dass der junge Mann mir eigentlich meine Worte geklaut hat. Im Zuge meines Praktikums sollte ich einige Kolumnen auf ihre Veröffentlichungswürdigkeit überprüfen, und habe des Vergleiches wegen etwas auf kolumnen.de herumgestöbert. Dort stieß ich auf die Kolumne von Till Frommann, und als ich sie las dachte ich: Schweig, du Teufel, das ist mein Leben, von dem du da schreibst. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass es auch einigen anderen der werten Leser so gehen wird. Hier also der Text:

Aus dem Leben eines Habenichts,
von Till Frommann

Neulich in der Innenstadt einer mittelkleinen deutschen Großstadt: Zwei Punks (inklusive gefärbter Haare und »NO FUTURE!«-Buttons an ihren schmierigen Lederjacken) schnorren mich an. Nicht so schlimm, finde ich: Ich nerve das Arbeitsamt, um über die Runden zu kommen, sie betteln unbescholtene Passanten an. Kein Problem also, denn jeder hat die Freiheit, sich sein Geld so zu beschaffen, wie er es am Besten kann. Und jeder muss mit den Komplikationen leben, die, sagen wir, ein Banküberfall mit sich bringt. Problematischer hingegen war, dass diese werten zwei Herren mein Weltbild zerstören sollten. »Erst wenn du alles verloren hast«, sagt Tyler Durden im Roman »Fight Club« von Chuck Palahniuk, »hast du die Freiheit, alles zu tun, was du willst.« Müssen wir also alle Siddhartas des 21. Jahrhunderts werden, um in dieser Welt frei zu sein?

Punks (also echte, gestandene Punks und nicht diese verweichlichten Gymnasiasten, die noch bei ihren Eltern wohnen und sich die Ohren, den Bauchnabel und Was-weiß-ich-noch-was piercen und die Haare rot, gelb und grün färben, um sich cool zu fühlen) haben alles verloren und aufgegeben und deshalb die Freiheit, alles zu tun, was sie wollen. Bis jetzt lebte ich in Frieden mit dieser Überzeugung. Mit ihren »NO FUTURE«-Buttons, dachte ich, würden sie das betonen wollen – nämlich, dass ihnen die Zukunft egal ist, weil sie eh keine hätten. Dass sie diese geopfert haben, um die Freiheit der Gegenwart genießen zu können.

Ich gebe Euch kein Geld, sagte ich schließlich zu den zwei Punks, welche das Gymnasiastenalter sichtlich hinter sich gelassen hatten, ich habe selbst nichts, ich bin Hartz-IV-Empfänger. Punk Nummer Eins war schwer verwundert. »Warum hast du keinen Job?«, fragte er mich, woraufhin ich zu dozieren anfing, wie schlimm doch alles sei und in was für einer verlogenen und nutznießerischen Welt wir lebten. Ich redete mich in Rage. Schimpfte über alles und jeden. Schnappte nach Luft und fühlte mein Herz hämmern. Redete weiter. Schrie. Das System sei Schuld, dass ich keine Festanstellung bekommen würde. Dann beruhigte ich mich wieder.

»Und?«, fragte ich im Plauderton. »Was wollt ihr später beruflich werden?« Punk Nummer Zwei antwortete ohne zu überlegen, dass er Tierpfleger werden wolle. Dass das sein Traumberuf sei und er in diesem Bereich auch jobben würde.

Was mein Weltbild zerstörte und meine gesamten Vorurteile über Punks ruinierte, war die offensichtliche Zukunftsangst, die den tierpflegenden Punk umtrieb. Er hatte Angst, weiterhin arbeitslos zu bleiben, nebenbei als Tierpflegeraushilfe zu jobben und, jaja, genauso wie ich Arbeitslosengeld zu beziehen. Die »NO FUTURE«-Buttons – nur Fassade!

Seit knapp einem Jahr bin ich nun frei. Ich ärgere mich mit dem Arbeitsamt herum, mit dem Bürokratiechaos dieses Beamtenbunkers. Ich habe jetzt die Freiheit, Bewerbungen zu schreiben, und Firmen haben die Freiheit, mich abzulehnen. Ich habe die Freiheit, das Arbeitsamt anzubetteln, meine Unterlagen nicht zu verschusseln. Diese Freiheit zermürbt und macht mit jeder Ablehnung, die ich erhalte, noch mehr Angst, und jede Zusage, doch noch bitteschön ein Praktikum bei dieser oder jener ach-wie-großzügigen Firma anzunehmen, um die Chance auf eine Festanstellung zu vergrößern, klingt nach Hohn und Spott dieser kapitalistischen Ausbeuter.

In der Unfreiheit des Studiums mit den vielen unbedeutenden Hausarbeiten, die ich schreiben musste und den langweiligen Vorlesungen, die ich besuchte und den unmotivierten Professoren und Dozenten, hatte ich wenigstens einen halbwegs geregelten Tagesablauf. Ich hatte das Ziel vor Augen, den Abschluss zu schaffen. Bis dahin: Scheine zu bekommen. Referate zu halten. Hausarbeiten zu schreiben. Ich war in Unfreiheit, aber mit mir waren andere Kommilitonen eingesperrt im Mikrokosmos Universität, und eigentlich waren wir alle relativ glücklich, weil wir beschäftigt waren.

Doch das Glück in Unfreiheit währte nicht lang – bei mir waren es 14 Semester, was, wenn man es bei Tageslicht betrachtet, dann doch nicht gerade als kurz zu bezeichnen ist. Bernd Zeller, ehemaliger Autor der Harald-Schmidt-Show, Cartoonist und Herausgeber der Satire-Zeitschrift »Pardon«, schreibt im Buch »101 Gründe nicht zu studieren«: »In der Schule wurde angeblich für das Leben gelernt. Ein solcher Anschein lässt sich beim Studium nicht erzeugen.« Das funktioniere jetzt nämlich nicht mehr, da nun der Abschluss das Ziel sei. »Die aufgestaute Sinnfrage rächt sich nun in Form der tiefen Depression, der sich die Lebenseinstellung anpasst. Akut wie nie wäre die Frage: Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? – Egal: ich bin, komme und gehe, das muss reichen. So geht die Enddepression nahtlos über in die Midlife-Crisis.«

Die neu erworbene »Freiheit« der Arbeitslosigkeit nimmt einem den mehr oder weniger geordneten Tagesablauf, und den Sinn wie den eines Abschlusses gibt es auch nicht mehr – oder kann man das Schreiben von Bewerbungen mit den darauffolgenden Absagen im Briefkasten als sinnvoll bezeichnen? Nach der x-ten Absage garantiert nicht mehr. Die Punks haben sich in einer Gruppe der vermeintlich zukunftsverweigernden, aber dann doch Zukunftsangst habenden Menschen zusammengerottet, um gemeinsam einsam auf irgendeine schönere, sich kitschig ausgemalte Zukunft hoffen zu können. Und ich? Habe Freunde, die studieren, Freunde die ihr Studium bald hinter sich gebracht haben werden und Freunde, die es (wie auch immer!) geschafft haben, eine Festanstellung – natürlich nur auf Zeit – zu bekommen. Doch auch sie haben Zukunftsangst: Werden sie ihren Job behalten, oder werden sie bald schon wieder zurückgeworfen in die Arbeitslosigkeit? Denn alles ist ungewiss.

Diese Angst fühlt sich so an, als sei man unendlich einsam, weil man immer wieder an die vielen Absagen denken muss, immer wieder nur an sich, sich, sich. Weil man egoistischer wird. Weil man weniger daran denkt, dass viele andere ebenfalls in diesem Dämmerzustand zwischen Jammern und Angestelltenverhältnis stecken. Weil man immer wieder an seine eigene miese Lage denken muss. An die miesen Aussichten auf einen Beruf. Und natürlich ist die eigene Lage die schlimmste, denkt man sich. Sehr oft wünsche ich mir deshalb die vielen Unfreiheiten des Studiums zurück.

Wir alle sind gemeinsam einsam, weil wir Angst vor einer ungewissen Zukunft haben wie wahrscheinlich keine andere Generation vor uns – nichts Neues eigentlich, denn früher war natürlich schon immer alles besser: Unsere Eltern konnten eine berufliche Laufbahn meistens ohne Probleme und nahtlos an Ausbildung, Studium oder sogar mühelos als Quereinsteiger einschlagen.

Alles aufgeben also? Quatsch: Man sieht, dass auch andere in dieser Lage sind und sich deshalb gemeinsam einsam fühlt. Dass man nicht alles hinter sich lassen kann, denn auch das ist keine praktikable Lösung. Dass man sich als Erkennungszeichen einen Button mit »FUTURE!«-Schriftzug an die Jacke pinnen müsste.

Ich erkenne:
Ich bin frei.
Ich bin wie einer dieser Punks mit Zukunftsangst.
Ich bin Deutschland.
Denn ich bin arbeitslos.

Till Frommann, 28.04.2007


Wem dieses eben beschriebene Leben bekannt vorkommt, der kann auch noch eine andere Kolumnen von Till Frommann lesen – dann wird’s erst richtig unheimlich. Just follow the link! A.

15 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

bin ich etwa auch eingeladen?

Stefan hat gesagt…

Hallo Annika,

so sehr ich mir dein neues "Arbeitszimmer" auch anschauen möchte, muss ich dir leider sagen, dass ich an diesem Wochenende keine Zeit habe, da ich da 10 jähriges Klassentreffen habe. Das tut mir leid, aber nicht weh. Entweder ihr macht das ohne mich oder wir verschieben das ...
Gruß aus Berlin
Stefan

Annika hat gesagt…

@tyra: Wenn du kommen willst (bzw. ihr kommen wollt), freu ich mich!
@Stefan: Falls wir eine Termin finden, wo alle können, verschieben wir es. Muss noch mit Liv klären, wann ihre Party ist. Ausweichtermin wäre je nachdem der 29. Juni oder der 7. Juli. Kommentare, wer wann nicht kann, können präventiv schonmal abgegeben werden!

Yvonne hat gesagt…

Also ich kann. Aber Nadine hatte mir auch schon gesagt, dass sie und Kai am 16. nicht können, weil da geheiratet wird...

Anonym hat gesagt…

ich kann an allen genannten terminen da mein praktikum voraussichtlich nur die-do gehen wird. und christian wird gezwungen, in rostock zu bleiben...

p.s.: schlafunterlagenmitbringer können auch bei uns unterkommen.

:o)

Anonym hat gesagt…

das hört sich gut an, ich überleg das mal ernsthaft. am 29. stünde dem auch nichts gegenüber. der 7.7. wäre mir persönlich nich so lieb, da ich am 5. geburtstag hab und daher das we mit meinen eltern verbringen werde, nehm ich mal an.
liebe grüße, ich meld mich, annika
ps: wer is mit ihr gemeint? noch jule? frag sie gerne, glaub aber nich, daß sie mitkommt. alleine des geldes wegen, is teuer, mit der bahn von leipzig nach rostock zu fahren.

Annika hat gesagt…

@tyra: Ja, es ist Jule gemeint, ich freu mich wenn sie mitkommt, da ich aber die Zugpreise nur allzu gut kenne, verstehe ich aber auch eine Absage! Ich sag ween eines genauen Termins die Tage dann nochmal Bescheid!

Annika hat gesagt…

Offizieller Annika-hat-jetzt-ein-richtig-tolles-Arbeitszimmer-und-das-feiern-wir-mit-Wein-und Bier-Party-Termin ist der 30. Juni 2007! Ich hoffe, ihr könnt alle kommen!!!!

Annika hat gesagt…

wir-Wein-und

Nadine hat gesagt…

Also (falls das hier noch irgendwer liest) also ich hätte an diesem WE auch Zeit. Der Kai hat keine Zeit, der hat irgendwas mit Arbeit...

Annika hat gesagt…

Schön dass du kannst, schade wegen Kai, aber den meisten scheint der 30. zu passen! Das ist gut!

Yvonne hat gesagt…

Also ich kann an dem Wochenende übrigens auch. Wenn Kai nicht mitkommt, wird Stefan wohl leider auch nicht dabei sein, aber ich frag ihn nochmal genau. Wer kommt denn sonst alles?

Annika hat gesagt…

Bis jetzt scheinen zu kommen: Yvonne, Nadine, Susi, Christian, Sören, Peter und hoffentlich Stefan und Jule. (Bestätigungen oder Widersprüche dürfen angefügt werden.) Ich bin auch dabei! Wieso, Stefan, willst du nur kommen, wenn Kai auch kommt? Bist auch ohne ihn eingeladen!!!

Yvonne hat gesagt…

Stefan kommt mit. Er hatte eigentlich allgemein keine Lust gehabt und dann dachte ich, wenn Kai nicht mitkommt, dann hat er erst recht keine Lust. Aber da habe ich mich geirrt. Wie soll das eigentlich genau laufen? Wann sollen wir anreisen? Und wer schläft wo? Darf ich deine Matte haben? Und wieviele Schlafsäcke/Kissen und co. brauchen wir?

Annika hat gesagt…

Also, ich habe 2 Zimmer zur Verfügung sowie eine Matratze für Yvonne, 2 Schlafsäcke, eine dünne Decke und eine Wolldecke. Da jetzt ja nur, Yvonne, Stefan und Nadine kommen,(von denen, die Schlafsäcke brauchen)würde ich dagen, ihr schlaft alle bei mir und bringt noch 2 Schlafunterlagen und nach Wunsch Kissen mit. ANreisen könnt ihr meinetwegen gerne schon Freitag, ich bin ab 17.00 Uhr da. Am Besten ihr sprecht das untereinander ab, Susi und Sören fahren mit dem Auto und nehmen sicher gerne Passagiere mit!

Beitragende