Donnerstag, Juni 07, 2007

Annikas persönlicher G8-Gipfel

Hier also auf besonderen Wunsch mein Bericht von Rostock vor und während des G8 Gipfels.

24.-31. Mai: Die Polizeipräsens in Rostock wächst um ein Vielfaches. In den Geschäften hängen Ankündigungen, dass die Läden am 2. Juni geschlossen bleiben. Bei den Rostockern wächst der Unmut über die überzogenen Sicherheitsvorkehrungen sowie die staatliche Panikmache.

1. Juni: Die Innenstadt wird durch die Bewohner von Autos befreit. Die Geschäfte beginnen, sich in Särge zu verwandeln: Bretter und Paletten werden niet- und nagelfest gemacht. Im Raum Bentwisch ziehen an den Autobahnen Polizeiautos auf, die große Störmasten in der Umgebung abstellen. Bei folgenden Telefongesprächen wird uns nur allzu deutlich, dass wir „nicht mehr alleine sind“. Auf Anfrage an einen jungen Herren bestätigte er uns, dass die Masten dazu dienen „den Telefonverkehr zu stören, falls die Sicherheit gefährdende Gespräche geführt werden.“

2. Juni: Die Geschäfte sind dicht. Bankautomaten ab heute in der Innenstadt nicht mehr zu benutzen – Sicherheitsvorkehrung. Die Sonderfahrpläne setzen ein, im K-S-R fahren jetzt 2 Linien: die 5 und die 2! Die Berichte über die Demos sind positiv und klein Annika beschließt, sich auf in den Stadthafen zur Abschlusskundgebung zu machen. Sie steigt also in die 5, die sie eigentlich bis zum Steintor bringen soll. Tut sie aber nicht, da aufgrund von Schienenblockaden ein Bahnstau entstanden ist. Um wieder in der ersten Person zu schreiben (sonst werde ich mir unheimlich), ich bin trotzdem noch in den Stadthafen gelangt. Dort ging es auch ca. 5 min. ganz nett her, Clowns rannten rum, konstruktiv kritische Plakate waren zu sehen, Trommeln zu hören, na ja, alles war bunt, fröhlich und total friedlich dagegen. Die schwarzen Gestalten, die sich beinahe systematisch in Blöcken verteilten, passten irgendwie nichts ins bild. SO gegen 15.03 Uhr sauste auf einmal eine Flasche ungefähr einen Meter an meinem Ohr vorbei. Weiter hinten schien es schon länger zu brodeln. Der Block, ca. 15 Meter von mir entfernt startete unerwartet seinen Einkauf und fing an, anfangs gezielter aus der ersten Reihe mit Steinen und zertrümmerten Gehwegplatten, die sie in Einkaufswagen transportierten, auf die Polizisten zu werfen. Ca. eine Minute später warf jeder aus dem scheiß Block in so ungefähr jede denkbare Richtung. Meinen schleunigen Rückzug antretend wurde mir bewusst, dass ich mich genau zwischen einem weiteren Block und einer etwas größeren Gruppe Polizisten befand, was mich in leichte Panik versetzte. Ich schaffte es aber dennoch, mich in wenigen Minuten aus der Masse herauszukämpfen, was anderen nicht gelang. Ein paar nette blutende Köpfe hab ich auch gesehen. Den restlichen Samstag und den Sonntag verfolgte ich das geschehen nur noch über die Medien.

4. Juni: Die Mitarbeiter des Klatschmohn Verlages, die zu 50% in der KTV wohnen, erreichen ihren Arbeitsplatz mit dem Fahrrad oder dem Bus. Doreen (Quelle aller interessanten Berichte) entdeckt in der OZ ein riesiges Foto eines bekannten in schwarzen Klamotten, Fahnen schwenkend vor einem brennenden Auto. Sie berichtet, dass der junge Mann aus einer intakten Familie kommt, mit sich selbst unzufrieden ist, zwanghaft versucht, irgendwo dazuzugehören, was nie gelingt und ständig lügt. Er ist weder links, noch rechts,, noch politisch interessiert, findet es aber sicher geil, Teil einer „starken Gruppe“ zu sein. Solche Leute machen heute sicherlich einen Großteil des in den 80ern gegründeten Schwarzen Blocks aus. Unser Telefonverkehr wird des Öfteren gestört, es scheinen viele die Sicherheit gefährdende Gespräche geführt zu werden. Alle beschweren sich darüber, dass die Polizei die Deeskalations-Strategie eingeschlagen hat. Unverständnis besteht allgemein darüber, dass nicht auf Basis des Vermummungsverbotes umgehend zahlreiche Festnahmen getätigt wurden. Abends fahren Christian und ich zum Pub, was nur über den Neuen Markt möglich war, da am Strande gesperrt war. Es war noch nie so einfach, eben genannte Straße zu Fuß zu überqueren.

5. Juni: Doreen berichtet von einem Bekannten, der am Samstag während der Demo verhaftet wurde (natürlich unschuldig) und am Montag friedlich Döner essend am Doberaner Platz wieder festgenommen wurde, da er auf der Liste steht. Pech gehabt, sag ich da. Telefon wird immer noch gestört. Erste Vermutungen über ein absichtliches Scheitern der Deeskalationsstrategie bzw. über ein geplantes gewaltvolles Ausarten der Demonstration werden im Klatschmohn Verlag laut. Die Telefongespräche sind durchzogen von Säten wie „Die Kelle liegt neben dem Topf“ oder „schläft Angelina noch?“ durchzogen. Festnahmen bei uns sind aber noch nicht zu verbuchen.

6. Juni: Christian und ich können nicht ins Kino fahren, da die Innenstadt aufgrund zahlreicher Demos gesperrt ist. Die Stadt beschließt, die Live-Übertragung des Konzertes in Warnemünde doch wieder abzusagen, was 6 Tage vorher schon einmal geschehen war, da die Sicherheit nicht gewährleistet werden könne.

7. Juni: Ein Kollege hat frei, weil er beim Konzert ist. Ich fahre mit Frau Kleinfeldt zu einem Kundengespräch in Bad Doberan. Ortskundige wissen, dass dieses auf halber Strecke zwischen Rostock und Heiligendamm liegt, Ortsunkundige wissen es jetzt auch. Der Ort ist von Menschen verlassen, überall laufen Militärs aus aller Welt herum, die teilweise recht gut bewaffnet waren. Militärfahrzeuge überall, ich hab sogar ´nen Panzer gesehen. Echt wie im Krieg!

8. Juni: Ich verlasse die Stadt! Gott sei dank!

Gebt 8, gute N8! A.

7 Kommentare:

Yvonne hat gesagt…

Uhi uhi uhi! Das ist aber alles ganz schön aufregend. bist du denn überhaupt aus der Stadt herausgekommen oder haben sie dich festgehalten. Ich wollte eigentlich schon seit tagen bei dir anrufen, um mich nach deinem werten Befinden zu befragen, aber wenn das Telefon eh gestört wurde, war es ja gut, dass ich es nicht gemacht hab. Also vertagen wir das ganze vielleicht auf nächste woche, wenn du wieder in Rostock bist. wann kommste denn wieder?

Anonym hat gesagt…

nettes bild von dir.

Anonym hat gesagt…

hey du randaliererin!
ich hab schlechte nachrichten: leider kann ich am 30 nich nach rostock kommen, rolf feiert an diesem tag in seinen geburtstag rein. schade, hatte mich gefreut. aber der mußte mir ja wieder nen strich durch die rechnung machen.
liebe grüße

Anonym hat gesagt…

achtung!
nur mit handschuhen ist steine werfen wirklich gefahrlos!
man könnte sich ja an den scharfen kannten verletzen! und vielleicht noch fingerabdrücke hinterlassen!

gruß aus d-town!

Annika hat gesagt…

@tyra: wirklich schade, aber vielleicht klappts ein anderes mal. grüß rolf!
@sören: danke
@ ente: guter tipp, werd ichnächstes mal beachten!
@yvonne: bin wieder da!

Nadine hat gesagt…

Oh das ist ja alles spannend und das Annili mittendrin. Erinnert mich teilweise an die Fußball-WM in Berlin nur diesmal mit autonomem Block. Gott sei Dank ist dir nichts passiert. Sei froh, dass Tommy nicht wegen Landstreicherei verhaftet wurde...

.hejRon hat gesagt…

ist der junge herr auf dem bild mit dem harten gegenstand, nicht pete doherty??

Beitragende