Letzte Woche kam dieser berühmte Blick in den Spiegel, den wahrscheinlich jede Frau kennt: „Nee, es geht nicht mehr! Du musst was mit deinen Haaren machen!“ In meinem Fall betraf die erwähnte Unmöglichkeit meine Haarfarbe, die den Namen Farbe eigentlich nicht mehr verdient hatte. Da aber mein Praktikanten-Dasein mich nur gerade so vor dem Hungertod bewahrt, ist ein Friseur-Besuch momentan definitiv nicht drin. Liebe Männer (falls ein Mann nach DEM ersten Satz bis hierin gekommen ist), es ist unglaublich aber wahr: Für Frauen kostet ein Friseurbesuch mit Schneiden und Färben in der Regel ab 50 Euro aufwärts. Daher entschied ich mich, beim Drogerie-Markt meines Vertrauens ein Päckchen „Santé Pflanzenfarbe – Natürliches Rot“ zu erwerben. Zuhause angekommen studierte ich zunächst die Packungsanleitung, die für mich gewöhnten Chemie-Selbstfärber doch leicht merkwürdig anmutete. Ich bekam dort zu lesen, ich solle das beigefügte Pulver mit kochendem Wasser zu einem cremigen Brei vermischen, diesen auf die Haare auftragen und 1-2 Stunden einwirken lassen. Für eine intensivere Wirkung könne man auch schwarzen Tee oder Rotwein statt des Wassers verwenden. Eine intensivere Wirkung ist natürlich immer gern gesehen, da ich aber weder Geld scheiße noch Rotwein pisse, brühte ich also einen schwarzen Tee auf. Anschließend füllte ich das Pulver in eine Schüssel, wobei ich registrierte, dass es algengrün war. Nun gut, das mit dem „die Mischung hat nicht dieselbe Farbe wie das Ergebnis“ kennen wir ja schon vom Chemie-Zeug, also entstand auf meiner Seite keinerlei Beunruhigung. Ich mischte das Pulver also mit dem schwarzen Tee, wobei der Algen Geruch immer und immer mehr zunahm. Ca. 300 ml Wasser sollte man verwenden, die hatte ich schon längst an das Algenpulver gekippt, von Brei aber keine Spur, geschweige denn von cremig. Also kippte ich mehr Wasser nach, und mischte und mischte. Irgendwann wurde die Masse tatsächlich breiähnlich, um die Frage der Cremigkeit eindeutig klären zu können, fehlte mir als Akademiker aber definitiv eine Definition von „cremig“. Immer diese unspezifischen Angaben – schlimmer als bei Kochrezepten. Als die Cremigkeit meiner Meinung nach hinreichend gegeben war, begann ich, mir die Schleimscheiße „so heiß wie möglich“ auf die Haare aufzutragen. Der Auftrag hätte genauer lauten sollen: so heiß, wie ihre Hände und ihre Kopfhaut es vertragen können. Da ich nun aber schon angefangen hatte, biß ich die Zähne zusammen und trug weiter auf, "wer schön sein will ... " und "ein Indianer ... " und so, ihr wisst schon. Nach ca. 5 Minuten hatte ich den oberen Teil meines Schädels eingecremt und wollte nun – professionell wie immer – die Haare umklappen, und die Ansätze bearbeiten. Hierbei hatte ich die Rechnung allerdings ohne meine Algenpampe gemacht! Diese war in der Zwischenzeit steinhart geworden und hatte Haare und Kopfhaut zu einer festen Masse werden lassen. Verzweifelt kämpfte ich mit meinen Haaren und es gelang mir, sie umzuklappen. Doch nach einiger Zeit schon merkte ich, wie meine Kopfhaut sich immer mehr zusammenzog. Bilder von Skalpierungen gingen mir durch den stark penetrierten Schädel, und ich arbeitete fieberhaft und rücksichtslos. In Folge dessen verteilte ich das Algenzeug im meinem ganzen Bad: In Spritzern und Klecksen an Boden, Wänden, Waschbecken und Badewanne. Zu allem Überfluss kam auch noch die Katze und wollte die Leckerlis vom Boden auflecken. In dem Moment kam mir die Cremigkeit wieder in den Sinn, die – meiner gequälten Kopfhaut und den versteinerten Haaren zufolge – wohl doch noch nicht gegeben war. Ich rührte also den restlichen Tee unter die Algenmasse, und siehe da: das Zeug ließ sich auf einmal auftragen!
Der letzte Rest war schnell im Haar verteilt, die Haare verschwanden unter einer Haube und unter einem Handtuch, und ich nutzte die 2 Stunden, um das Bad zu putzen. Dann war es Zeit, das Algenmoussé wieder von meinen Haaren zu trennen, wobei ich das Bad erneut einsaute. Und nun kommt das Ende, das jeden enttäuschen wird, der mir in die Falle getappt ist und damit rechnet, dass ich nun wieder mit grünen Haaren durch die Gegend laufe! Nein! Das Ergebnis war völlig zufriedenstellend! Meine Haare sind rot und glänzen! Sie verfärben sogar nicht – wie sonst nach den Friseurbesuchen – alles, wogegen ich mich lehne! Der Aufwand war also enorm, das Preis-Leistungs-Verhältnis aber ansprechend! Ich kann es kaum erwarten, dass mein Haaransatz groß genug ist, um ihn nachzufärben! A.
2 Kommentare:
He he he :)
Eine sehr lustige Geschichte, liebe Annika. Ich habe sogar die Moussé-Anspielung beim ersten Lesen bemerkt, verstanden und gelacht.
Aber warum hast du denn kein Foto von der "neuen" Haarpracht? Wir wollen uns doch auch davon überzeugen, dass die Ökofarbe wirklich gut ist...
Da muss ich der Yvonne recht geben, ein Photo von der Schleimscheiße hast du gemacht, wie sie aber auf dem Haar dann aussieht...
Ansonsten hätte ich nicht gedacht, dass Haare färben so aufregend ist!
Toller Text, wieder mal...
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