Sonntag, August 12, 2007

Die hohe Kunst des Journalismus

Um eine gute Journalistin zu sein, muss man viele verschiedene Fertigkeiten beherrschen. Hilfreich ist es natürlich, eine gute Schreibe zu haben, außerdem muss man aber auch gut mit Menschen umgehen können. Um sie zum Erzählen zu bringen und später somit mitreißend über sie schreiben zu können, braucht man eine natürliche Neugierde und das Geschick, sich in sie einzufühlen – ihren Rhythmus und ihre Denkart zu übernehmen. Zudem sind natürlich noch Grundfertigkeiten wichtig, die im Arbeitsleben generell eine Rolle spielen: Konzentration, Organisiertheit, Gründlichkeit und Souveränität.

Mein Praktikum beim Kulturkalender brachte mir diese Woche die Möglichkeit, meine Fähigkeiten als Journalistin einer harten Probe zu unterziehen. Für die nächste Ausgabe hatte ich einen Artikel in der Rubrik „Porträt“ ergattert, und der Mensch, dessen Seelenleben ich auf einer gedruckten DIN A 4 Seite präsentieren wollte, war die Malerin Uta Mohns, wohnhaft auf einem Hof irgendwo im Niemandsland zwischen Tarnow und Boitin.

Die Vorbereitungen auf unseren Termin am Freitag um 15.00 Uhr liefen standardgemäß, ich recherchierte ihren Lebenslauf, bereitete eine Liste mit interessanten Fragen vor und ließ mir von einer einschlägigen Internetseite den kürzesten Weg nach Tarnow berechnen. Aufgrund meiner Gründlichkeit überprüfte ich das Ergebnis dieser Berechnungen noch einmal auf der Karte und stellte fest, dass er dieser angeblich kürzeste Weg wie ein ziemlicher Umweg wirkte. Daraufhin setzte ich mich in letzter Minute noch einmal an den Rechner und ließ die Route neu berechnen. Und siehe da, der Computer spuckte eine viel einfachere und schnellere Route aus, 50 Minuten sollte ich jetzt nur noch brauchen, nicht mehr knapp über eine Stunde. Mensch, das freute mich aber! Fröhlich setzte ich mich gute 80 Minuten vor unserem Termin in meine rote Zora, fütterte sie mit etwas Treibstoff, und schon machten wir uns voll freudiger Erwartung auf zu meinem Interview der Spitzenklasse. Der Weg führte über die Autobahn und die Landstraße, die großzügig mit Baustellenampeln versehen war. Trotzdem erreichte ich nach einer Stunde Teterow, es blieben also noch 15 Minuten, um Boitin zu finden. Aber wo war dieses blöde Boitin. Die Stadt war überraschend groß, kein Schild ließ sich finden, kein Straßenname passte zu den Beschreibungen, mit steigender Panik folgte ich der Hauptstraße und überlegte fieberhaft, was zu tun war. Da zuckelte ein altes, gebücktes Weibchen mit einem Gehwagen an mir vorüber und ich lenkte mein Gefährt an die Seite, um mich zu Fuß dem ihrigen zu nähern. Meine Frage, wie ich denn bitte in das kleine Örtchen Boitin gelänge, ließ ihr schrumpeliges Gesichtchen leider nicht mit wissender Weisheit aufleuchten, wie ich es mir erhofft hatte. Stattdessen zeigte es Verblüffung, Boitin – davon habe sie ja noch nie gehört. Nicht aufgebend steuerte ich den Parkplatz einer großen Supermarktkette an, der – wie ich gehofft hatte – an einem Freitagnachmittag voll von Menschen war, die mit Schweißperlen auf der Stirn die mit Ellbogeneinsatz und Stehvermögen an den Kassen eroberten Jahresvorräte in ihre viel zu kleinen Kofferräume wuchteten. Aber auch hier rief meine Frage nur Erstaunen hervor. Karten wurden gezückt, und jeder Vorrübergehende zu Rate gezogen, in einem waren sich alle einig: Boitin hatten sie noch nie gehört und in Teterow gebe es weder eine Boitiner Straße, noch den von mir angestrebten Ausbau Süd. Das kleine Wörtchen Teterow drang durch meine Gehörgänge in mein Hirn und schien zwischen meinem linken und meinem rechten Ohr immer hin- und herzuprallen. Teterow, Teterow... und wie auf wundersame Weise fing es an, sich zu verwandeln – Teterow, Tenow, Tarnow... TARNOW! Der Schweiß stand auf einmal auch mir auf der Stirn. Unter murmelnden Worten des Dankes kroch ich um mindestens einen Meter kleiner in mein Auto und zückte meine Karte. Nach kurzem Suchen fand ich den Ort meiner Begehr – Tarnow – und direkt daneben prankte in kleinen, höhnischen Buchstaben das Wort Boitin.


Ach du meine Nase! Schnell zückte ich mein Handy und beichtete Uta Mohns mein Problem. In ihrer Stimme lag leider wenig Mitleid, auch Humor konnte ich nicht wirklich erkennen. Es war eher so etwas wie – ja – Entsetzen. Sie habe nur bis 17.00 Uhr Zeit, und bis Tarnow sei es noch weit. Ich kündigte an, das Unmögliche möglich zu machen, nämlich in einer halben Stunde bei ihr zu sein, und drückte aufs Gas. Jede Baustellenampel, auf die ich zufuhr, löschte wie auf Befehl ihr grünes Licht und ich sah rot. Zwei Blitzer – mit hoffentlich rechtzeitigen Vollbremsen begegnend – und zwei weitere, zum Glück schnell korrigierte, Verfahrer später, erreichte ich um 16.00 Uhr den Mohnshof. Frau Mohns begrüßte mich mit einem milden Lächeln und führte mich in ihre Atelier. Auf meiner inneren Liste strich ich mit einem dicken, fetten, schwarzen Edding die Worte „Souveränität“ und „Organisiertheit“ durch. Pflichtgemäß sah ich mir mit geheucheltem Interesse ihre Bilder an – bunte Landschaften, Stillleben und Porträts, alles ganz nett, aber um es ehrlich zu sagen: Meine Kunstinteresse ist zwar vorhanden, mein Kunstverständnis trägt aber noch nicht einmal Kinderschuhe. Auch Frau Mohns schien das zu bemerken, stellte Tisch und Stühle auf und servierte mir grünen Tee und Kirschkuchen. Die Fragestunde begann. Ganz professionell stellte ich ihr eine Reihe offene Fragen und stellte überrascht fest, wie herrlich nichtssagend man diese doch beantworten kann. Fragte ich sie zum Beispiel, wie lange sie schon an der Kunstschule unterrichte, antwortete sie: „Och, schon lange. Dreizehn oder vierzehn Jahre.“ – „Und wie ist es dazu gekommen?“ – „Das weiß ich nicht mehr so genau, irgendwer hat mich gefragt, und ich habe ja gesagt.“ Wie interessant! Wieso ist vor mir noch keiner auf die Idee gekommen, diese Frau zu porträtieren??? So oder ähnlich ging es eine ganze Weile. Ich begann, nach ihren Antworten eine Weile zu warten, vielleicht sind meine Fragen ja so tiefschürfend, dass sie über die Antworten erst einmal stillschweigend meditieren muss. Und siehe da! Fühlte ich mich nach ein Paar Sekunden Pause dann doch veranlasst, eine neue Frage zu stellen, fing sie auch an zu sprechen. Du musst warten, sagte ich mir, und setzte diesen Vorsatz nach der nächsten kurzen Antwort um. Diesmal sagte sie nach 5 Sekunden nichts, auch nach 10 noch nichts, und nach 15 fragte sie mich, wie ich eigentlich zum Schreiben gekommen sei. Mist! Nach weiteren gescheiterten Versuchen strich ich „den Rhythmus des anderen übernehmen“ von meiner imaginären Liste. Auf meine Frage, ob sie nicht gerne über ihr Leben spreche, erhielt ich endlich eine brauchbare Antwort: Sie sei kein Mensch der Worte, sie hätte es lieber, ich würde ihre Bilder auf mich wirken lassen. Meinem Einwurf, ich wolle ja auch über sie und ihr Leben schreiben entgegnete sie, sie lebe ja in ihrer Bildern. Also wieder Kunstschau. Sehen sie hier mit Öl, und da mit Acryl, das selbe Motiv zu einer anderen Tageszeit... AHA. Ich strich „sich Einfühlen“, „Denkart übernehmen“ und „zum Erzählen bringen“. Und dann war es 5, und ich ging, und hatte nichts, außer einer Liste unbeantworteter Frage, und einer Liste gestrichener Fähigkeiten.

Jetzt sitze ich auf dem Balkon, neben mir mein Buch mit meinen Notizen und den Ergebnissen meiner Nachbereitung. Ich starre meine Palme an und versuche mich in dieses naturverbundene, ruhige, ausgeglichene und wortlose Wesen einzufühlen und es in mir und auf dem Papier doch noch zum Erzählen zu bringen. Ob es mir gelingt? A.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

lass doch lieber diesen artikel im kulturkalender erscheinen, is dann bestimmt interessanter und unterhaltsamer.

star1138 hat gesagt…

verdammt

dito

naechstes mal schreib ich schneller

Annika hat gesagt…

:-D
Eigentlich eine gute Idee, ich werd's der Chefin mal vorschlagen!
Hab den Artikel heute geschrieben, und bin so weit ganz zufrieden.Vielleicht werde ich ihn später auch noch einmal posten.

Nadine hat gesagt…

Bin ich auch für, der ist sehr gut geschrieben. Reiche ihn doch beim Feuilleton irgendeiner Tageszeitung ein, die drucken das bestimmt.

Beitragende