Freitag, Februar 20, 2009

Meine kleine buchkritiK

Im februar 2008 erschien "feuchtgebiete". der liebe ron und ich warteten in der tat schon einige jährchen auf ein längst angekündigtes und überfälliges buch der moderatorin charlotte roche. wir haben beide vermutlich werke ähnlichen stils der sahra kuttner und des markus kavka erwartet, aber dann brach schon ein ausgesprochen gewaltiger medienhype los. das hat meinen konsum des buches reichlich verzögert. wie siehts damit eigentlich bei dir aus, ron? schon gelesen? oder die schreckliche hörbuchversion versucht? durch die verzögerung kam ich aber in den genuss mir die special-edition mit "Illustrationen der Autorin" zu holen. diesem so offensichtlichen wunsch des verlags noch einmal geld mit dem buch zu machen, wurde von der autorin mit unglaublich untalentierten strichzeichnungen unterstützt. das fand ich über alle maßen witzig - das war mir im dezember dann die 5 euro mehr wert. außerdem mag ich gebundene bücher.

das buch ist schnell durchgelesen. ca. 160 seiten in großer schrift. am anfang lässt sichs viel lachen. ich glaube auch, dass ein großteil der inhalte bewusst übertrieben ist oder nicht anders beschrieben werden kann. das sprachliche problem ist bei sogenannten "tabuthemen" immer ein schwieriger punkt. für bestimmte sachen gibt es nun mal keine politisch korrekten begriffe - bzw. versteht die dann ja auch wirklich keiner mehr. z.B. so:
"In diesem sprachlich und inhaltlich recht ausschweifenden werk, scheint sich die autorin vornehmlich mit mukophagie (hab ich extra für euch nachgeschlagen) auseinanderzusetzen." dieser satz auf dem buchdeckel hätte die verkaufszahlen vermutlich um die hälfte reduziert.

die hauptfigur verbringt, wie es mittlerweile allgemein bekannt sein dürfte, 3 tage im krankenhaus. um sich von den schmerzen abzulenken, ergeht sie sich in lange gedankengegänge und erinnerungen. das ist am anfang witzig. besonders da ist die ausdrucksweise der autorin aus moderationszeiten noch erhalten geblieben. ab seite 90 nervt vieles nur noch. 'oh je, nicht noch eine ekelgeschichte' dabei ist es viel netter den gedanken zu der scheidung der eltern, den seltsamen kindheitserinnerungen und träumen zu folgen. dann gibt es noch ein ende, das unerwartet kommt, weil es mit der persönlichkeit und den problemen und nichts mit dem ekelthemen zu tun hat.
das ganze hätte mit viel weniger ausschweifungen eine echt gute short-story werden können, aber ohne die extreme, detailgetreue schilderung der hygieneverstöße hätte die "warum ist euch der eigene körper so ekelig?"-frage nicht so deutlich gestellt werden können.

schade eigentlich, dass sich sämtliche kommentare, die ich dazu mitbekommen habe, nur zu den ekelthemen äußerten.
man kann das buch zum beispiel auch aus einer anderen perspektive lesen:

feuchtgebiete- ein buch in dem es um eine junge frau geht, die sich durch die (fatale) depression ihrer mutter und der scheidung der eltern ungeliebt fühlt und weiß, dass sie ihre eltern nicht mehr zusammenbringen kann, es trotzdem immer versucht. als rebellion gegen die mutter, die nur depressiv oder als aufstellerin von hygiene-regeln in erscheinung tritt, verstößt die hauptfigur helen gegen sämtliche allgemein bekannten vorstellungen von reinlichkeit und körperpflege. stellt dabei aber auch fest, dass ihr nichts schlimmes passiert, auch die extremeren sachen machen sie nicht ständig krank vor lauter bakterienpräsenz- und wieso soll der eigene körper überhaupt eklig sein? ihr ist aber klar, dass ihre mutter das furchtbar findet. ich glaube damit wurde der hauptfigur ein plausibler grund entworfen, von der mutter nicht geliebt und umarmt zu werden. damit glaubt sie kontrolle über sich und ihren körper zu haben und stellt die mutterliebe zugleich (erfolglos) auf die probe. der versuch selbst zu erfahren was mutterliebe sein könnte (ohne dabei das risiko einzugehen die fatalen familieneigenschaften wie. z.b. hämorrhoiden weiterzugeben) findet sich übrigens in ihrem verhältnis zu avocados wieder.

FAZIT:
in oft origineller ausdrucksweise verpackte, nette geschichte (angeblich zu 70% autobiografisch - verkaufsanheizend in talkshows mit "kann sich jeder selbst aussuchen was gemeint ist"-attitüde verbreitet), umhüllt mit der zusätzlichen botschaft sich mit der eigenen körperpflege vernünftig auseinanderzusetzen und nicht ständig den populären vorgaben hinterherzulaufen. das liegt charlotte roche tatsächlich sehr am herzen. war auch schon in früheren interviews so. das thema so krass zubearbeiten, hat ihr das schreiben bestimmt etwas spaßiger gemacht. kann mir richtig vorstellen, wie sie kichernd am pc saß und sich worte wie perlenrüssel, vanillekipferl und brökertstellung überlegt hat. jedenfalls musste ich beim lesen kichern.

eigentlich hatte ich beim lesen die meiste zeit ganz schön viel spaß.
eigentlich würde ich es gerne weiterempfehlen.
aber ich fühle mich wieder wie damals, als ich den film "kids" wichtig fand. fast alle um einem herum sagten immer nur "ist das der film wo nur die jungfrauen gef**** werden?" und mag gar nicht denken, wofür der gegenüber einen jetzt eigentlich hält... :o)

damals gab's noch keine blogs. jetzt brauche ich keine leute mehr zuzuquatschen und bin trotzdem zufrieden. fein erkannt susi.

als belohnung für diejenigen, die tatsächlich bis hier unten zu ende gelesen haben gibt es noch ein nettes kleines bilD:

Why So Serious?

8 Kommentare:

.hejRon hat gesagt…

Liebe Susi,
ich habe mir natürlich die Hörbuchfassung angehört und muss auch, wie bei "Zwölf" wieder feststellen, ich mag Charlotte Roche so sehr, aber lesen kann sich nicht! Da habe ich, -jetzt lehne ich mich mal schön weit ausn Fenster- also, da habe ich in der 4. Klasse schon fließend und besser und vor allem nicht so emotionsfrei gelesen!

Ansonsten fand ich das Buch eigentlich auch ganz unterhaltsam. Und es ist eigentlich nur eine Unterstreichung dessen, was man über Charlotte so gut findet.

Und ich muss sagen, ich werde jetzt, nachdem du es so angepriesen hast, mir die Special Edition kaufen!

Ich lese im Moment: Der Simulant von Chuck Palahniuk.

.hejRon hat gesagt…

fast vergessen, das Bild ist Klasse!!!

Beetlejuice, Beetlejuice ...!

susi hat gesagt…

ja, find ich auch! die ähnlichkeit ist ja sehr verblüffend.
eigentlich schade, da hat tim burton batman-filme gedreht und beetlejuice erfunden - aber so einen genialen joker konnte er nicht entwickeln...

leider habe ich nicht gefunden, wer es gebastelt hat, deswegen ist es ohne credit hier drin.

susi hat gesagt…

"der simulant" - den musst du mir dann unbedingt leihen!

Annika hat gesagt…

ZUM BUCH - um deine Fettschreibung zu imitieren. ;-) Gut gelöst, um das wichtigste zu vermitteln, ich habe es trotzdem ganz gelesen.
Mein Fazit ist: Die PR ist alles. Mit Büchern, die von Kindern handeln, deren Eltern sie nicht lieben, kann man sicherlich Häuserblöcke füllen. Interessiert keine Sau. Will man auf Platz 1 der Bestseller-Liste, muss man sich absetzen, wie in diesem Fall eben schockieren. Wenn das Buch eine gar nicht so schlechte Aussage hat, ist es doch nicht schlecht, dass das Marketing aufgegangen ist. (Wobei ein schon bekannter Autoren-Name natürlich auch nicht hinderlich ist). Schade ist eben nur, dass die eigentliche Botschaft im Medienhype untergeht. Aber das muss man für ordentlich Tantieme eben in Kauf nehmen.
Zum Glück haben wir unsere Susi! Denn nun sind wir alle viel schlauer als der Rest. Und ich weiß nun, worum das bUch geht, und muss den Ekelkram nicht lesen. Danke!!!

Annika hat gesagt…

Übrigens: Nie zuvor haben sich Männer so für Avocados interessiert!

Anonym hat gesagt…

Nun wiederholen sich die Seinfeld-Zitate ...

Anonym hat gesagt…

jop, drecksfeature

Beitragende