Montag, Februar 01, 2010

Nachbarschaftslieder

„Macht doch mal einer das Ding aus“, denke ich schlaftrunken und klopfe suchend das Bücherregal neben meinem Bett ab. Mein Wecker klingelt in einer unfassbaren Lautstärke und spielt auch noch eine furchtbare, FURCHTBARE Melodie! Was ist denn bloß los? Mühsam löse ich meine verklebten Wimpern vom unteren Lid und erspähe durch den freigewordenen Schlitz den Wecker: 5.15 Uhr!! Da stimmt etwas nicht. Plötzlich bin ich hellwach. Es kann doch nicht wahr sein, die Olle singt schon wieder! Ich habe mich ja daran gewöhnt, mir im Rhythmus ihrer Schlager die Zähne zu putzen, auf dem Klo im Takt zu schunkeln, aber um 5.15 Uhr loszugröhlen – das geht echt zu weit. „Hallo, halloooo! Kannst du mich hööööören?“, krächzt sie aus voller Kehle. „Ja, ich höre dich!“, brülle ich zurück. Damit habe ich aber sicher nur das restliche Haus geweckt. Sie muss Kopfhörer auf den Ohren haben. Sonst kann man gar nicht so schief singen.


Knappe zwei schlaflose Stunden später stehe ich auf und beschließe dem ganzen ein Ende zu bereiten. Doch leider weiß ich nicht genau, wer dort so scheußlich singt. Klar habe ich einen Verdacht: Es muss die Schrullige von oben sein. Dieser Gartenzwerg, der an meiner Tür klingelt und mich fragt, ob ich für ihren Schwiegervater ein Gedicht schreiben könne. Er säße nun im Rollstuhl und brauche etwas Aufmunterung. Ich sei doch Schriftstellerin. Diese dreiste Person, die morgens um 7 vor meiner Tür steht und mir erzählt, sie habe einen neuen Drucker, aber der funktioniere irgendwie nicht richtig. Ob ich den nicht mal KURZ reparieren könne. Aber was, wenn es die Nachbarin aus dem anderen Haus ist? Die Wohnungen sind ja sehr hellhörig und ich will niemanden zu Unrecht verurteilen ...


Das Glück ist mir hold. Auf dem Rückweg von der Mülltonne höre ich Schritte im Flur. Ich verharre in meiner Position und warte. Tatsächlich, eingemummelt in eine bonbonlila-Glänzejacke, mit einer Kapuze auf dem Kopp, die sie wie einen schwulen Eskimo aussehen lässt, kommt meine Nachbarin von oben die Treppe herunter. Sie strahlt mich an, ich lächele zurück, sie erzählt irgendwas. Bei der ersten Atempause presche ich vor: „Sagen Sie mal, wissen Sie eigentlich, wer hier im Haus so laut singt?“, frage ich mit Unschuldsmiene. „Oh“, kommt es leise zurück, der Kopf senkt sich und kugelrunde Augen starren mich aus Brusthöhe an. „Ich glaube, das bin ich.“ „Das ist aber wirklich sehr laut,“ sage ich, „und auch schon so früh.“ Ja, beichtet sie mir, sie trällere den ganzen Tag. Mit Kopfhörern auf den Ohren. „Vielleicht singen sie lieber mal ohne Kopfhörer“, rate ich ihr. „Dann hören sie sich selbst besser und merken, wenn es zu laut wird.“


Zufrieden mit mir selbst ziehe ich mir abends meinen Schlafanzug an. Auf einmal – zack – tönt es los. „Tsu Tsu badadumbadadum ‚Kannst du mich hööööören’?’“ JA ICH KANN! Wenigstens hat sie auf mich gehört und lässt nun auch die Musik zu ihrem Gejaule laufen. Schief klingt es allerdings immer noch. Am nächsten Tag treffe ich sie wieder im Flur. Gerade will ich ihr eine Standpauke halten, da jammert sie los. Ihr Mann wolle sich von ihr scheiden lassen, erzählt sie mir mit tränengefüllten Hundeaugen. „Wen wundert’s!“, denke ich, höre aber nur verständnisvoll nickend zu. Nun müsse sie sich etwas einfallen lassen, sie habe ja keine Arbeit. Vielleicht könne ich ihr helfen. Sie wolle sich auch selbstständig machen. „Womit denn?“, frage ich. „Ich weiß noch nicht genau“, antwortet sie, „vielleicht mit Singen.“

9 Kommentare:

.hejRon hat gesagt…

Du als Schriftstellerin kannst ihr doch ihre Lieder schreiben?

susi hat gesagt…

:o)

star hat gesagt…

martensteinwürdig!

Die Schriftstellerin hat gesagt…

Liest überhaupt noch jemand anderes als ihr drei den Blog? ;-)

star hat gesagt…

durchschnittlich drei leser pro artikel machen diesen blog zum weltweit fünfterfolgreichsten!


und du beschwerst dich...

Die Feststellerin hat gesagt…

Keine Beschwerde, Herr Star, eine belustigte Feststellung!

susi hat gesagt…

ich glaube der peter liest auch noch mit, von zeit zu zeit... wenn es im büro nichts zu tun gibt.... ;o)

Anonym hat gesagt…

Noch kleiner als Du - das gibts doch gar nicht :-P

Und ja, hier ist noch ein Leser.

Viele Grüße, Ulf

Die anonyme A. hat gesagt…

Gut, dass du deinen Kommentar anonymisiert hast, Ulf! ;->

Beitragende